Leben wir alle im selben Universum? Physiker würden diese Frage ohne Zögern bejahen. Die Linguistik und die Kognitionswissenschaft antworten vorsichtiger. Sie fragen nicht, welche Welt existiert, sondern wie wir sie wahrnehmen. Und genau hier beginnt eine der spannendsten wissenschaftlichen Debatten des vergangenen Jahrhunderts.

Sprache beschreibt die Welt nicht – sie formt und ordnet sie

1921 formulierten die Linguisten Edward Sapir und später Benjamin Lee Whorf eine damals gewagte Vermutung: Sprache ist weit mehr als ein Werkzeug, mit dem wir Gedanken ausdrücken. Sie beeinflusst vielmehr, wie wir die Welt gliedern, unterscheiden und verstehen. Diese Idee – heute als Sapir-Whorf-Hypothese oder als Theorie der linguistischen Relativität bekannt – galt lange Zeit als umstritten.

Inzwischen zeichnet sich ein differenzierteres Bild ab. Zahlreiche Studien aus der Linguistik, Psychologie und den Neurowissenschaften sprechen dafür, dass Sprache unsere Wahrnehmung tatsächlich beeinflusst. Sie bestimmt zwar nicht, was wir wahrnehmen können, wohl aber, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten und welche Unterschiede unser Gehirn besonders schnell erkennt.

Ein bekanntes Beispiel liefert die Farbwahrnehmung. Im Russischen existieren zwei eigenständige Grundwörter für das, was deutschsprachige Menschen schlicht als Blau bezeichnen: goluboj für Hellblau und sinij für Dunkelblau. Für russische Muttersprachler handelt es sich daher nicht um zwei Schattierungen derselben Farbe, sondern um zwei unterschiedliche Farbkategorien.

Experimente zu Reaktionszeiten1 zeigen, dass russische Sprecher diese Farben schneller voneinander unterscheiden als Sprecher des Englischen. Bildgebende Verfahren zu ähnlichen Forschungsthemen weisen zudem darauf hin, dass dabei teilweise unterschiedliche neuronale Netzwerke aktiviert werden. Sprache verändert also nicht die physikalische Wirklichkeit – wohl aber Zuordnungen und ihre mentale Ordnung. Eine aktuelle, in Science erschienene Studie, die auf Basis bisheriger Erkenntnisse ein neuronales Simulationsmodell präsentiert, zeigt folgendes Ergebnis: 
 

 

 

 

Blau: unterschiedliche Kategorien für russische Sprecher,
eine einheitliche Kategorie für englische Sprecher2.
 

 

Jede Sprache erschafft ihre eigene Empfindungslandschaft

Noch deutlicher wird dieser Zusammenhang dort, wo Sprache nicht nur Dinge benennt, sondern Handlungen, Zeit und Bewegung strukturiert. Eindrucksvoll zeigt sich dies im russischen Verbsystem. Fast jedes Verb besitzt zwei Aspekte: einen unvollendeten und einen vollendeten. Beide beschreiben dieselbe Handlung, richten den Blick jedoch auf unterschiedliche Eigenschaften und unterschiedliche Teile dieser Handlung:

  • Der unvollendete Aspekt: Я иду домой bedeutet: Ich gehe nach Hause. Der unvollendete Aspekt beschreibt den Vorgang selbst. Ob die Handlung abgeschlossen wird, bleibt offen.

  • Der vollendete Aspekt: Я пойду домой bedeutet dagegen: Ich werde jetzt nach Hause gehen. Die kleine Vorsilbe по- verändert die Perspektive und damit auch das Geschehen. Sie macht deutlich, dass die Handlung als einmaliges, in Gang gesetztes Ereignis verstanden wird.


Hinzu kommen weitere Informationen über Richtung, Wiederholung oder Verlauf einer Bewegung. Was im Russischen häufig in einem einzigen Verb steckt, muss das Englische (oder Deutsche) mit mehreren Wörtern oder zusätzlichen Satzkonstruktionen ausdrücken.

Natürlich können englischsprachige Menschen dieselben Sachverhalte ebenso präzise beschreiben. Der Unterschied liegt nicht im Denkvermögen, sondern in der sprachlichen Architektur. Jede Sprache lenkt die Aufmerksamkeit auf andere Merkmale der Wirklichkeit und hebt bestimmte Unterscheidungen hervor und macht sie dadurch von Haus aus selbstverständlich.
 

Sprache erschließt unterschiedliche Ausschnitte der Welt

Vielleicht liegt genau hier eine der tiefen Einsichten der modernen Sprachforschung. Sprache ist kein bloßer Spiegel der Welt. Sie ist vorerst ein Ordnungssystem, das entscheidet, welche Unterschiede für uns unmittelbar sichtbar werden und welche erst bewusst erschlossen werden müssen.

Wir leben deshalb nicht in verschiedenen Welten. Aber wir bewegen uns in unterschiedlichen sprachlichen – und damit auch unterschiedlichen emotionalen/kognitiven – Landkarten derselben Wirklichkeit. Jede Sprache hebt andere Strukturen hervor, setzt andere Grenzen und eröffnet entsprechend differierende Assoziationen. Die Sprache formt auf diese Weise vorab die Welt.

Wer eine neue Sprache lernt, erweitert deshalb nicht nur seinen Wortschatz. Er gewinnt eine zusätzliche Perspektive auf die Welt. Vielleicht ist Mehrsprachigkeit gerade deshalb mehr als bloße Kommunikation: Sie ist eine Erweiterung unseres Erkenntnishorizonts.

Mit dieser Einsicht beginnt die Essayreihe 'Das Universum und wir'. Denn bevor wir fragen können, was das Universum ist und wer wir sind, müssen wir verstehen, mit welchen geistigen Werkzeugen wir die Welt und uns überhaupt wahrnehmen.

3. August 2026

 

1 Die ursprüngliche Studie zu Blau-Unterschieden: Winawer, J. Witthoft N., Frank M. C. et al. (2007). Russian blues reveal effects of language on color discrimination. PNAS, 104(19), 7780–7785.  https://doi.org/10.1073/pnas.0701644104

Tomasello et al. (March 2026), How language modulates color perception in a brain-constrained deep neural network, Science, Volume 29, Issue 3,  https://doi.org/10.1016/j.isci.2026.114832