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Trans – eine Lösung?

 

Transdisziplinarität wird zunehmend als interessanter Weg diskutiert, zur Lösung komplexer und übergreifender Probleme beizutragen. Klimawandel, Pandemien oder die Regulierung Künstlicher Intelligenz lassen sich kaum noch innerhalb einzelner Disziplinen verstehen. Wo Wissenschaft, Politik, Wirtschaft, Kultur, Kunst und Gesellschaft aufeinandertreffen, könnte ein notwendiges (Lösungs-)Wissen entstehen, das über Fachgrenzen hinausreicht.

Schon die lateinische Vorsilbe trans verweist auf Bewegung: jenseits, darüber hinaus, auf die andere Seite. Transdisziplinäres Arbeiten bedeutet daher mehr, als bloß verschiedene Fachrichtungen zu kombinieren. Es verlässt die relativ gesicherten Methoden einzelner Disziplinen und bewegt sich in Räume, in denen Interessen, Werte und Unsicherheiten miteinander kollidieren.

 

Die Illusion herrschaftsfreier Zusammenarbeit 

Viele Definitionen von Transdisziplinarität beschreiben diesen Prozess auffallend harmonisch. Sie gehen davon aus, dass alle Beteiligten gemeinsam neues und besseres Wissen erzeugen wollen. Doch diese Vorstellung unterschätzt die Realität institutioneller Machtverhältnisse. Wissenschaft, Politik oder Wirtschaft handeln selten neutral. Jede dieser Sphären folgt eigenen Logiken, Zielen und Zwängen.

Gerade in transdisziplinären Projekten treten diese Unterschiede offen zutage. Denn dort geht es nicht nur um Erkenntnis, sondern oft auch um Einfluss, Ressourcen und öffentliche Deutungshoheit. Die Covid-Pandemie machte sichtbar, wie schnell wissenschaftliche Expertise politisch instrumentalisiert werden kann.

In manchen Ländern geriet Wissenschaft unter den Druck politischer Kommunikation. Forschung wurde dann nicht mehr als unabhängige Instanz wahrgenommen, sondern als Legitimation bereits getroffener Entscheidungen. Wissenschaft wird dann zur bloßen PR-Hilfe degradiert.

Deshalb benötigen transdisziplinäre Prozesse Vermittler: Moderatoren, Mediatoren oder institutionell unabhängige Akteure, die Konflikte sichtbar machen und zwischen unterschiedlichen Rationalitäten übersetzen können. Ohne solche Instanzen drohen Projekte unberechenbar zu werden. Ergebnisse verlieren an Qualität, verengen sich auf Einzelinteressen oder geraten in Widerspruch zur ursprünglichen Zielsetzung.

 

KI als Übersetzer konkurrierender Wirklichkeiten 

An dieser Stelle könnte Künstliche Intelligenz eine neue Rolle erhalten. Nicht als neutrale Autorität, denn auch KI bleibt von Daten, Modellen und Interessen geprägt. KI könnte als Werkzeug des Perspektivenwechsels dienen. Vertreter verschiedener Bereiche könnten KI-Systeme gezielt dazu nutzen, die Sichtweisen anderer Akteure nachvollziehbarer zu machen:

  • Eine Forscherin könnte etwa fragen: „Welche politischen Zwänge beeinflussen die Entscheidungen meines transdisziplinären Partners?“, 
  • Ein Politiker hingegen:„Welche wissenschaftlichen Standards dürfen trotz Zeitdruck nicht aufgegeben werden?“, 
  • Und ein Unternehmen: „Welche Lösungen wären wirtschaftlich tragfähig, ohne die methodischen Prinzipien der Forschung zu unterlaufen?“

 

Die eigentliche Stärke der KI läge dann nicht primär in der Produktion neuer Informationen, sondern in der Simulation konkurrierender Perspektiven. KI könnte helfen, blinde Flecken sichtbar zu machen. Ihre Stärke könnte sie dort ausspielen, wo menschliche Akteure dazu neigen, ihre eigene Rationalität für selbstverständlich zu halten und anderen mehr oder weniger aufzudrücken.

Damit würde KI nicht den transdisziplinären Konflikt auflösen. Aber sie könnte dazu beitragen, ihn produktiver zu machen. Vielleicht besteht  darin ihre zukünftige wissenschaftliche Bedeutung: nicht als Ersatz menschlicher Urteilskraft, sondern als Medium zwischen unterschiedlichen Wirklichkeiten.

 

13. Mai 2026
(KI und Theorie 6)