Was, wenn künstliche Intelligenz nicht nur wissenschaftliches Wissen verarbeitet, sondern auch die Denkstile reproduziert, in denen dieses Wissen entstanden ist? Eine Antwort auf diese Frage findet sich bei Ludwik Fleck, einem Wissenschaftstheoretiker, der Jahrzehnte vor Thomas Kuhn eine bemerkenswert moderne Theorie entwickelte.

 

Der Ruhm gehört Kuhn – die frühere soziologische Theorie jedoch Fleck

Thomas Kuhn gilt als einer der einflussreichsten Wissenschaftstheoretiker des 20. Jahrhunderts. Sein Werk „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ erschien 1962 und wurde beispielsweise nach Google Scholar mehr als 170.000 Mal zitiert. 

Doch hatte der polnische Arzt Ludwik Fleck zentrale Gedanken zur Wissenschaft als soziologisches Geschehen schon Jahrzehnte zuvor entwickelt. Allerdings sind seine Gedanken nach wie vor wenig bekannt: Google Scholar nennt 303 Zitierungen von „Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. Einführung in die Lehre von Denkstil und Denkkollektiv“ (1935). 

 

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Kuhn griff Gedanken auf, die Fleck bereits entwickelt hatte, und formulierte sie in einer eigenen Begrifflichkeit neu, wobei er diese Begriffe im Laufe der Jahre adaptieren und schärfen musste. Kuhn sprach von inkommensurablen Paradigmen, einer disziplinären Matrix, Anomalie und Krise, usw.

Fleck hingegen sprach einfach vom Denkstil eines Denkkollektivs. Das ist kein Wunder, denn Kuhn untersuchte historische Wendungen in der Physik, Fleck hingegen analysierte die soziologisch begründeten Geschehnisse bei der Entwicklung der Wassermann-Reaktion für die Diagnose von Syphilis. 
Anders als Kuhn hatte Fleck bereits mit der ersten Veröffentlichung eine anschauliche und in sich stimmige Theorie präsentiert. Das jeweilige wissenschaftliche Wissen besteht nach ihm nicht aus addierten Arbeiten individueller Wissenschaftler, sondern aus gemeinschaftlich geteilten Überzeugungen.

 

Niemand forscht außerhalb des disziplinären Denkstils

Wissenschaftler denken nicht voraussetzungslos. Forschende beurteilen auf Grundlage von Überzeugungen ihrer wissenschaftlichen Gemeinschaft, was als erwiesen gilt und welche Methoden für angemessen gehalten werden. Einige Annahmen bleiben unausgesprochen. Forschende hinterfragen sie nicht sondern setzen sie voraus. 

In diesem Denkrahmen sehen Forschende Muster in den Daten und akzeptieren diese als Wissen. In den sozialen Prozessen setzt sich empirische Evidenz nicht automatisch durch. Davon war man zuvor im Logischen Empirismus, einer Hauptströmung der analytischen Wissenschaftsphilosophie ausgegangen. Fleck hingegen war aufgrund seiner Erfahrungen in der medizinischen Forschung zum Schluss gekommen, dass das ein falsches Bild zeichnet.

 

Verstärkt KI den etablierten Denkstil der Wissenschaft?

Welchen Einfluss wird die KI haben? KI-Systeme lernen aus bereits produziertem wissenschaftlichem Wissen. Dieses Wissen enthält nicht nur empirische Befunde, sondern auch die eingeflossenen Denkstile der Wissenschaftsgemeinschaften. 

Ki liefert daher nicht neutrale Antworten auf wissenschaftliche Fragen, sondern erzeugt Vorschläge auf der Grundlage verfügbarer Informationen, gelernter Muster und der konkreten Aufgabenstellung. Damit entsteht eine systematisch vorgezeichnete Möglichkeit: KI reproduziert tendenziell bestehende Denkstile und stabilisiert sie dadurch. Ob KI diese tatsächlich verfestigt, hängt aber davon ab, wie sie eingesetzt wird und wie Forschende mit KI-Vorschlägen umgehen.

 

Technikfolgenforschung: Analyse durch Flecks Theorie

Mit Fleck lässt sich deshalb eine beunruhigende Möglichkeit formulieren: KI verstärkt vorerst den herrschenden wissenschaftlich Denkstil. Denn KI bietet den Mainstream an, bei Abweichungen tut sie sich schwer. 

Das ist allerdings keine Eigenschaft von KI allein. Entscheidend daher ist, wie Forschende die Systeme einsetzen: als Werkzeug zur Bestätigung des Bekannten oder als Instrument, das gezielt nach Widersprüchen, Gegenargumenten und bislang übersehenen Befunden sucht.

Fazit: Wenn eine unachtsam gehandhabte KI vor allem etablierte Muster reproduziert, wird sie wissenschaftliche Gemeinschaften dazu leiten, etablierte Denkstile länger beizubehalten. Neue Erkenntnisse haben es dann schwer, sich gegen den Mainstream durchzusetzen. Insofern stellt die Frage nach den Folgen von KI keine neue Herausforderung dar, sondern ergibt sich als logische Konsequenz aus Flecks Theorie.

16. Oktober 2026