Aus hell leuchtenden Sternen gemacht und doch blind


Wir bestehen aus Sternenstaub – das ist keine 
Metapher, sondern physikalische Tatsache. Die Elemente, aus denen unser Körper aufgebaut ist, entstanden in extremen kosmischen Ereignissen: in explodierenden Sternen, in der Kollision von Neutronensternen. Gold etwa verdankt seine Existenz einem solchen Zusammenstoß. Gewaltig, selten, fern.

Wir sind Kinder solcher Prozesse. Geschwister jener Lichtpunkte, die nachts über uns stehen. Und doch behandeln wir diese Erkenntnis, als wäre sie eine Randnotiz. Gelesen, genickt, abgehakt. Nach wenigen Tagen vergessen.

Nicht aus Desinteresse. Sondern aus Überforderung. Zu viel Information, zu wenig Zeit. Minute für Minute. Klick für Klick.

 

Zeitalter sowohl der Beleuchtung als auch der Verdunkelung 

Wir leben im hellsten Zeitalter der Menschheitsgeschichte: Straßenlampen, Autoscheinwerfer, Bildschirme, die Nacht ist kaum noch Nacht. Und genau das ist das Problem. 
Denn mit dem künstlichen Licht verschwindet der Himmel. Nacht für Nacht. Die Herkunft, die uns zumindest auf atomarer Ebene geprägt hat, wird unsichtbar. Statt tausender Sterne sehen wir wenige fahle Punkte auf grauem Grund. Das beeindruckt niemanden. Es fordert nichts heraus, mental bleibt es folgenlos.

Unsere Wahrnehmung reagiert nicht. Kein „gestirnter Himmel über mir“, wie Kant ihn noch erleben konnte. Kein Moment, der Maßstäbe verschiebt. Unsere Gefühle kreisen wie Motten um die nächste (künstliche) Lichtquelle, nah und rastlos.

  

Mond, Jupiter und Galilei: als Erkenntnis sichtbar wurde 

Es gibt einen einfachen Gegenentwurf. Raus aus den Lichtkegeln. Aufs Land, in die Berge. Oder im Winter in den hohen Norden. Dorthin, wo das Band der Milchstraße wieder sichtbar wird. 

Nimm' ein Fernglas oder ein kleines Teleskop. Betrachte den Mond in seiner halben Phase. Schau' auf die Grenze zwischen Licht und Schatten. Dort wird die Oberfläche plastisch. Krater, Täler, Berge. Raum wird erfahrbar.

Such' den Jupiter. Heute ist es einfach, Apps auf dem Handy zeigen gerne seine Position. Ein eigenes kleines System. Beweglich. Geordnet. Schon ein kleines Fernrohr genügt, um seine vier großen Monde zu sehen. Sogar mit einem bereits relativ alten iPhone 15 (Max) können Aufnahmen gelingen, die Jupiter und galileiische Monde zeigen:  

 

 

So muss es Galilei ergangen sein. Der Blick durchs Fernrohr war ein Bruch der Welt, kein Detailgewinn durch zusätzliche Daten. Die Erde war nicht mehr das Zentrum. Wie bald zu sehen war, die Sonne auch nicht. Gewissheiten gerieten und geraten nach wie vor ins Rutschen. Erkenntnis beginnt häufig mit einem Schock, dem Sehen "absurder" Dinge. Absurd nur bis jetzt.
 

Andromeda und die Zumutung der Zukunft

Suchen Sie schließlich M31,  Andromeda. Ein unscheinbarer Nebelfleck. Doch was du siehtst, ist radikal. In diesem Moment treffen Photonen auf deine Netzhaut, die vor zweieinhalb Millionen Jahren von Sternen in einer anderen Galaxie ausgesandt wurden. Damals gingen unsere Vorfahren gerade aufrecht. Sprache, Kultur, Wissenschaft: alles noch Zukunft.

Andromeda kommt näher. In etwa zwei Milliarden Jahren werden sich beide Galaxien durchdringen und dynamisch miteinander verschmelzen. Der Nachthimmel der Erde wird dann hell sein. Die Erde selbst jedoch längst leblos, zu heiß und zu trocken geworden. Dieser Gedanke ist unangenehm – genau deshalb ist er wichtig! 

Wer den Himmel wieder sieht, fühlt die eigene Existenz, sieht buchstäblich klarer. Nicht länger, aber schärfer. Und vielleicht ist das der entscheidende Schritt: nicht mehr zu wissen, sondern wieder zu sehen, wieder zu sein.

Reinhard Neumeier

2013 / 2026