Evolution ohne Ziel, aber mit Gedächtnis
Auf dieser Erde läuft seit Jahrmilliarden ein Prozess, den wir Evolution nennen. Dieser Vorgang kennt kein Ziel und kein Ende. Dennoch hat Evolution mittels auf Materie basierter Verfahren uns Menschen hervorgebracht. Die geologischen Spuren des Erdalters sind eindeutig. Der Prozess der Evolution auf unserer Erde ist auch außerhalb der geologischer Fundstätten abzulesen.
Alles Lebendige trägt die Spuren der Vergangenheit im seinem Innersten. Jeder Mikroorganismus, jede einzelne Zelle bewahrt diese Abdrücke – in der DNA, im Erbgut. Die DNA ist äußerst stabil, verändert sich jedoch aufgrund zufälliger Änderungen in weiten, aber regelmäßigen Abständen. Wie an einer molekularen Uhr kann daher abgelesen werden, wann und was sich geändert hat und vor allem: wie alt die Abdrücke sind.
Die Zeit vor der Erde: Zeigen genetische Uhren die kosmische Herkunft?
Diese Spuren sollen allerdings nach Berechnungen von Genen von Alexei Sharov und Richard Gordon 9,7 Milliarden Jahre alt sein.

Sharov A., Gordon, R. (2013): Life Before Earth, Cornell University; Die Graphik zeigt die Größe des Genoms in dekadenlogarithmischer Darstellung bezogen auf Zeit in Milliarden Jahren; Prokaryotes = Bakterien, Urbakterien; Eukaryotes = Zellen mit Zellkern, Mammals = Säugetiere; Annahme: exponentielles Wachstum der Komplexität
Wenn diese Annahmen und Berechnungen so halbwegs stimmen (Extrapolationen außerhalb des empirischen Grunddatenbereiches ist immer sehr heikel), liegen unsere Ursprünge außerhalb dieser Erde, denn das Sonnensystem ist nur 4,5 Milliarden Jahre alt. Das Genom der Bakterien deutet aber mit diesen Berechnungen auf ein doppelt so hohes Alter.
Danach hätten Kleinstlebewesen ihr Dasein auf dieser Erde bereits als hochkomplexe Bakterien gestartet. Als Lebewesen mit einer mehrere Milliarden Jahre dauernden Vergangenheit. Schluss: Irdisches Leben stammt aus unserer oder einer umgebenden Galaxie. Demnach wären wir Menschen nicht Abkömmlinge dieser Erde, sondern biologische Kinder des nahen Kosmos. Kinder des Kosmos auf atomarer Ebene als Sternenstaub sind wir auf jeden Fall.

Kosmische Bürger: die Unverwüstlichkeit des Lebens
Die letzten Jahre des Erforschens von Mikroorganismen brachten Unglaubliches zutage:
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sie leben mitten in scheinbar festem Gestein. Man findet sie einige Kilometer unterhalb des Meeresbodens; sie gedeihen in mehr als 100 Grad heißem Wasser - gleichsam im Druckkochtopf; die Hölle halten sie locker aus - sie vermehren sich auch in schwefeliger Umgebung
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Abgeschlossenheit stört sie nicht: sie überleben 400 Meter unterhalb des Permafrostbodens im ewigen Eis
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Vakuum macht ihnen nichts aus: sie überstehen die für uns Menschen tödliche kosmische Strahlung oder tiefe Temperaturen nahe des absoluten Nullpunktes; man hat lebende Bakterien an der Außenhaut von Raumanzügen und Satelliten entdeckt, die drei Jahre im All gewesen waren: sie hatten sich von Aluminium ernährt
- Beispiele für einen Austausch von Gesteinen auch in unserem Sonnensystem gibt es einige. So entstehen Marsmeteoriten durch Einschläge von großen Asteroiden auf dem Mars. Die Energie und Gewalt des Einschlags befördert Marsmaterial ins All, wovon einige Gesteinsbrocken irgendwann (oft Milliarden Jahre später) die Erde als Meteoriten erreichen, inklusive eventuell eingeschlossener Mikroorganismen.
Viele Mikroorganismen haben (noch immer) die Fähigkeit, im All zu leben. Sie waren echte kosmische Bürger und sind es noch. Sie sind unsere allerfernsten und doch auch nahen Ururururureltern unserer Zellen. Wir sind sie. Auch aus biologischer Sicht sind wir Menschen daher Kinder des Kosmos.
Wie der Kosmos zu leben beginnt und sich seiner bewusst wird
Wo Leben möglich ist, scheint es nicht nur zu entstehen, sondern auch zu bleiben. Es hält sich, es wandert, es überdauert. Leben erweist sich damit nicht als fragile Ausnahme, sondern als robuste Eigenschaft der Materie selbst – als eine ihrer möglichen Organisationsformen. Die Erde wäre in diesem Sinne kein singulärer Ursprungsort, sondern ein Knotenpunkt in einem weit größeren biologischen Kontinuum. Ein Knotenpunkt von vermutlich unzählbar vielen.
Wenn Mikroorganismen kosmische Distanzen, extreme Hitze, Kälte, Strahlung und Zeiträume überstehen, dann verschiebt sich unser Begriff von Herkunft. Leben wäre nicht an Planeten gebunden, sondern an Bedingungen; nicht an Orte, sondern an Möglichkeiten. Der Kosmos erschiene nicht mehr als lebensfeindlicher Raum mit seltenen Ausnahmen, sondern als ein Milieu, in dem Leben dort auftritt, wo es kann.
Der Mensch verliert damit seine Sonderstellung als „Krone der irdischen Schöpfung“, gewinnt jedoch eine andere: die eines bewusst gewordenen kosmischen Prozesses. Wir wären kein Gegenpol zur Natur, sondern ihre reflexive Fortsetzung. In uns (und unseren Mit-Lebewesen) beginnt der Kosmos, sich zu finden und über sich selbst nachzudenken – getragen von derselben Materie, derselben Chemie, derselben evolutionären Geduld.
Fazit
Kinder des Kosmos sind wir dann nicht nur als Sternenstaub, sondern als lebendige Erinnerung an eine Geschichte, die älter ist als die Erde selbst. Leben wäre kein Zufall im Universum, sondern eine seiner Spuren. Und wir – eine ihrer Stimmen.
Reinhard Neumeier
Juni 2013 (Erstfassung)